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Erste Festivals in Europa und Deutschland

Nach den Anfängen der Musikfestivals in den USA geht es nun um die Lichtblicke der ersten Festivals in Europa und Deutschland. Einige Namen werdet ihr bestimmt schon kennen, denn teilweise werden sie heute noch veranstaltet.

Die ersten Festivals in Europa

Es dauerte nicht lang bis die ersten Festivals auch in Europa stattfanden. 1968, also sogar noch vor dem Urvater Woodstock, fand das Isle of Wight Festival auf der gleichnamigen Insel südlich des britischen Festlandes statt. Es folgten zwei weitere IOW Festivals in den Jahren 1969 und 1970. Noch relativ unbekannte Acts traten beim ersten IOW Festival auf. Neben der einzigen amerikanischen Band Jefferson Airplane performten überwiegend britische Musiker wie z. B. Tyrannosaurus Rex (T. Rex). Das erste Rockfestival auf europäischem Boden wurde nicht von Profis organisiert, sie hatten wenig bis keine Erfahrung in der Planung und Durchführung eines Festivals. Woher auch? Es war das erste in ihrem Land, vergleichbares gab es vorher nicht. In einer sehr kurzen Vorbereitungszeit wurde das Gelände vorbereitet. Der Nachfolger aus dem Jahre 1969 hatte schon wesentlich mehr zu bieten. Das Line- Up war grandios (Joe Cocker, Bob Dylan, The Who u. v. m.), die Besucherzahl war gigantisch (120.000 bis 150.000 Zuschauer) und das Gelände war doppelt so groß wie 1968. Doch das bis dahin vorerst letzte IOW Festival 1970 ging als das größte und chaotischste IOW Festival in die Geschichte ein. Bis zu 600.000 Besuchern kamen und somit ist es bis heute das größte Festival, das in England seit jeher stattgefunden hat. Es waren viel zu viele Menschen zu diesem Festival gekommen. Ein reibungsloser Ablauf des Festivals konnte nicht mehr durchgesetzt werden. Nur etwa ein Viertel der Besucher bezahlte den Eintritt. Gagen für die Bands, Kosten für den Aufbau und Logistik waren so nur schwer finanzierbar. Es wurden Vorkehrungen für nur ca. 200.000 Besucher getroffen. Die Organisatoren rechneten nicht mit weit mehr Zuschauern. Auf dem Festivalgelände bestand ein hohes Sicherheitsrisiko für alle Beteiligten. Aus diesen Gründen fand das IOW Festival in den nachfolgenden Jahren nicht mehr statt. Erst 2002 gab es wieder ein Open-Air-Festival auf der IOW. Bis heute findet das IOW Festival statt. Ein weiteres bedeutendes europäisches bzw. britisches Festival ist das Glastonbury Festival. Es fand 1970 zum ersten Mal im Südwesten Englands nahe der Stadt Glastonbury statt. Zu seinen Anfängen war das Festival nichtkommerziell. Der Veranstalter und Gründer Michael Eavis (vom Beruf Milchbauer) stellte ein Open-Air-Event auf die Beine, wofür die 1.500 Besucher rund einen Pfund Eintritt zahlten. Im Eintrittspreis war unbegrenzter Milchkonsum enthalten. Im darauffolgenden Jahr 1971 war das Festival vollständig kostenfrei. Es gab immer wieder Rückschläge, infolge dessen das Glastonbury Festival einige Male ausgesetzt werden musste. Ab 1981 wurden Teile der Eintrittsgelder und des Gewinns für verschiedene Projekte und Organisationen gespendet. So setzten sich die Veranstalter z. B. für atomare Abrüstung und Umweltschutz ein. Bis heute findet das Glastonbury Festival mit Besucherzahlen bis zu 177.000 Menschen statt.

1971 hatte das nächste britische Festival seinen großen Auftritt. Nahe der Stadt Reading (westlich von London) wurde ein Rockfestival ins Leben gerufen, welches wohl die vielseitigste Entwicklung aller Festivals in Großbritannien über die Jahre erlebte. Viele Namensänderungen, Verlegen der Standorte und Wechseln der Musik-Stilrichtungen gab es dort im Laufe der Zeit. Rockgrößen wie Genesis, Pink Floyd, AC/DC, Status Quo, The Cure, Nirvana, Oasis und viele weitere Bands bespielten bereits das Reading Festival. Seit 1999 gibt es die „Schwesterveranstaltung“ Leeds Festival im Norden Englands mit demselben Line-Up.

© panthermedia.net / dk_photos

Doch wurden nicht nur in England bekannte Festivals auf die Beine gestellt, sondern auch in anderen europäischen Staaten. In Dänemark wird seit 1971 das Roskilde-Festival veranstaltet. Es ist ein ganz besonderes Festival, denn es wird seit jeher nicht profit-orientiert bzw. gemeinnützig organisiert. Im ersten Jahr kamen 10.000 Besucher, 1987 waren es 170.000 Menschen. Aber die Veranstalter fanden, dass die Zahl zu hoch sei und daher wurde die Kapazität auf heute 70.000 Besucher begrenzt.

Viele andere Open-Air Festivals entwickelten sich zu der Zeit (Ende 60er/Anfang 70er Jahre). Die Rock-und Popmusik war am beliebtesten und am verbreitesten, aber auch Festivals mit anderen Musikrichtungen wie Jazz, Blues und Folk entstanden.

Deutsche Festivals

Die ersten Vorläufer der deutschen Musikfestivals, wie wir sie heute kennen, waren das Frankfurter Jazzfest (1955) und das Waldeck-Festival Chanson Folklore International (1964). Das damalige Musikfestival auf der Burg Waldeck im Hunsrück/Rheinland-Pfalz zog zwar relativ wenig Besucher im Vergleich zu heutigen Ausmaßen an (es kamen 400 Leute), doch es war ein gelungenes und vielfältiges Festival. Der 1930 in Pforzheim geborene Konzertveranstalter Fritz Rau war derjenige, der den Festivalboom maßgeblich mit nach Deutschland brachte bzw. ihn auch dort auslöste. Sein erstes Event organisierte er 1955 in der Heidelberger Stadthalle. Mit einem ausverkauftem Haus (1.400 Zuschauer) war es ein voller Erfolg. Mit seinem Freund Horst Lippmann gründete er 1963 die Konzertagentur „Lippmann+Rau“ und veranstaltete viele bekannte Festivals wie z. B. das American Folk Blues Festivals. 1965 war Rau es gewesen, der die Rolling Stones nach Berlin auf die Waldbühne brachte. Dieses Rock-Open-Air lief jedoch nicht reibungslos ab. Das Konzert war nach 25 Minuten vorbei, gewaltbereite “Fans” zerlegten die Bühne und lieferten sich Gefechte mit der Polizei. Festnahmen, Verletzte und ein Sachschaden in Höhe von rund 300 000 Euro waren die Folge. Fast zehn Jahre lang hatte Fritz Rau aufgrund dieser Erfahrung keine Lust mehr Open-Air Veranstaltungen durchzuführen. Rau war viel in Amerika unterwegs, wo er sich begeistert in der Festivallandschaft umschaute. Er war unter anderem dort um zu lernen bzw. zu beobachten, wie ein Festival veranstaltet werden kann. Mit dem angeeigneten Wissen plante er 1977 seine ersten eigenen Open-Air-Festivals in Deutschland. Auf dem Reichparteitagsgelände/Zeppelinfeld in Nürnberg und im Karlsruher Wildparkstadion spielten Bands wie Chicago und Santana vor tausenden Zuschauern. Viele weitere großartige Events unter freiem Himmel folgten wie z. B. ein Bob Dylan Konzert vor 80.000 Zuschauern in Nürnberg (1978), Open Airs in Ulm und Saarbrücken (1978), ein weiteres Open Air in Nürnberg mit 70.000 Zuschauern (1979) und ein weiteres Open Air in Saarbrücken (1979). Neben Fritz Rau gab es andere Veranstalter, die ebenfalls große Festivals in Deutschland organisierten. Im September 1968 wurden in Essen die Songtage veranstaltet. Es war mit 40.000 Besuchern das damals größte Festival im Ruhrgebiet bzw. in gesamt Deutschland. In den 70er Jahren brach das Festivalfieber endgültig in Deutschland aus. Große Festivals mit mehreren zehntausenden Besuchern begeisterten die Musikfans. Die wichtigsten und größten Open Airs waren:

  • Open Air Rock Circus (Juni 1970/Frankfurt)
  • Aachen Open Air (Juli 1970/Soers)
  • Fehmarn Festival (September 1970/Fehmarn)
  • 1. British Rock Meeting (1971/Speyer)
  • 2. British Rock Meeting (1972/Speyer)
  • Scheeßel Open Air (September 1973/Scheeßel)
  • Umsonst & Draußen (Juni 1975/Vlotho)

Im Sommer 1970 fanden zum ersten Mal mehrere Festivals innerhalb weniger Monaten in Deutschland statt. Das Jahr 1970 brachte also die erste Festivalsaison oder den ersten Festivalsommer in Deutschland hervor. Viele der Festivals waren ein voller Erfolg gewesen und die Veranstalter und Besucher waren zufrieden. Jedoch gab es auch Schattenseiten in der Festivalgeschichte. 1977 endete das First Rider Open Air Festival in Scheeßel katastrophal. Wütende Besucher steckten die Bühne in Brand, da versprochene und angesagte Bands nicht auftraten. Ähnliches geschah ein Jahr später beim Loreley-Festival. Zusätzlich zum „In Brand stecken der Bühne“ schlugen einige Besucher die Bühne kurz und klein. Organisatorisch lief also nicht immer alles nach Plan, sowie auch schon zuvor bei Festivals in den USA. Nicht zu vergessen sind die 80er und 90er Jahre, welche sehr erfolgreiche und zum Großteil bis heute stattfindende Festivals hervorbrachten. Alle Festivals genauer zu beschreiben würde den Rahmen dieses Beitrags übersteigen, daher werden die bekanntesten Open Airs nachfolgend aufgezählt:

  • Rockpalast-Festival (1982/Loreley)
  • Schüttorf Festival (1982/Schüttorf)
  • Rock am Ring (1985/Nürburgring)
  • Summerjam (1986/Loreley)
  • Bizarre Festival (1987/Loreley)
  • Wacken Open Air (1990/Wacken)
  • Rock im Park (1993/Nürnberg)
  • Chiemsee Reggae Summer (1995/Übersee)
  • Hurricane Festival (1997/Scheeßel)
  • Southside (1999/Neubiberg)
  • splash! (1999/ Oberrabensteiner Stausee)

Als visuelle Zusammenfassung habe ich eine Zeitachse mit den wichtigsten Meilensteilen der Festivalgeschichte bis in die 90er Jahre hinein erstellt.

Das Thema “Geschichte der Musikfestival” bearbeitete ich bereits in meiner Bachelorarbeit “Festivaltourismus am Standort Deutschland” im Jahr 2012. In diesem Beitrag sind überwiegend Passagen daraus wieder verarbeitet worden. Das Buch von Katka Willenstein und Folkert Koopmans (2007): “Von Musikern, Machern und Mobiltoiletten – 40 Jahre Open Air Geschichte.” haben mir bei meiner Zusammentragung sehr geholfen (und natürlich auch weitere Quellen). Das Buch ist sehr zu empfehlen für all diejenigen, die mal etwas tiefer in die Materie blicken möchten.

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